Der Abfall



Der große Kampf

zwischen Licht und Finsternis

Kapitel 3:

Der Abfall

 

In seinem zweiten Brief an die Thessalonicher erklärte der Apostel Paulus, daß der Tag Christi nicht kommen werde, „es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens, der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also daß er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott“.

Und weiter warnt der Apostel seine Brüder:

„Es regt sich bereits das Geheimnis der Bosheit.“ 2.Thessalonicher 2,3.4.7.

 

Schon zu jener frühen Zeit sah er, daß sich Irrtümer in die Gemeinde einschlichen, die den Weg für die Entwicklung des geweissagten Abfalls vorbereiteten.

Das Geheimnis der Bosheit führte nach und nach, erst verstohlen und stillschweigend, dann, als es an Kraft zunahm und die Herrschaft über die Gemüter der Menschen gewann, offener sein betrügerisches und verderbliches Werk aus. Beinahe unmerklich fanden heidnische Gebräuche ihren Weg in die christliche Gemeinde.

 

Zwar wurde der Geist des Ausgleichs und der Anpassung eine Zeitlang durch die heftige Verfolgung, die die Gemeinde unter dem Heidentum zu erdulden hatte, zurückgehalten; als aber die Verfolgung aufhörte und das Christentum die Höfe und Paläste der Könige betrat, vertauschte es die demütige Schlichtheit Christi und seiner Apostel mit dem Gepränge und dem Stolz der heidnischen Priester und Herrscher und ersetzte die Forderungen Gottes durch menschliche Theorien und Überlieferungen. Mit der angeblichen Bekehrung Konstantins Anfang des vierten Jahrhunderts, die große Freude auslöste, fanden jedoch unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit weltliche Sitten und Gebräuche Eingang in die Kirche.

Das Verderben schritt jetzt schnell voran.

Das Heidentum wurde, während es besiegt schien, zum Sieger.

Sein Geist beherrschte die Kirche.

Seine Lehren, seine Zeremonien und seine Abgöttereien wurden mit dem Glauben und der Gottesverehrung der erklärten Nachfolger Christi vermischt.

Aus diesem Ausgleich zwischen Heidentum und Christentum folgte die Entwicklung des „Menschen der Sünde“, der nach der Prophezeiung der Widersacher ist und sich über Gott erhebt.

 

Satan versuchte einmal, mit Christus zu einer Übereinkunft zu gelangen.

Er kam in der Wüste der Versuchung zum Sohne Gottes, zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und bot ihm an, alles in seine Hände zu geben, wenn er nur die Oberherrschaft des Fürsten der Finsternis anerkenne.

Christus schalt den verwegenen Versucher und zwang ihn, sich zu entfernen.

Satan hat aber größeren Erfolg, wenn er mit den gleichen Versuchungen an die Menschen herantritt.

Um sich irdischen Gewinn und weltliche Ehren zu sichern, wurde die Kirche dazu verleitet, die Gunst und den Beistand der Großen dieser Erde zu suchen.


Es ist eine der Hauptlehren der römischen Kirche, daß der Papst das sichtbare Haupt der allgemeinen Kirche Christi sei, angetan mit höchster Autorität über Bischöfe und Geistliche in allen Teilen der Welt.

Mehr noch, man hat dem Papst sogar die Titel der Gottheit beigelegt.

Er ist, „der Herr Gott Papst“ (Siehe Anm. 001) genannt und als unfehlbar (Siehe Anm. 002) erklärt worden.

Er verlangt, daß alle Menschen ihm huldigen.

Der gleiche Anspruch, den Satan in der Wüste bei der Versuchung Jesu geltend machte, wird auch heute noch von ihm erhoben, und zahllose Menschen sind nur allzugern bereit, ihm die geforderte Verehrung zu zollen.

 

Jene aber, die Gott fürchten und ihn verehren, begegnen dieser den Himmel herausfordernden Anmaßung ebenso, wie Christus den Verlockungen des verschlagenen Feindes begegnete:

„Du sollst Gott, deinen HERRN, anbeten und ihm allein dienen.“

 

Gott gab in seinem Wort keinerlei Hinweise, daß er irgendeinen Menschen zum Oberhaupt der Gemeinde bestimmt hätte.

Die Lehre von der päpstlichen Obergewalt steht den Aussprüchen der Heiligen Schrift entgegen.

Der Papst kann nicht über die Gemeinde Christi herrschen, es sei denn, er maßt sich diese Gewalt widerrechtlich an.


Die Katholiken haben darauf beharrt, die Protestanten der Ketzerei und der eigenwilligen Trennung von der wahren Kirche zu beschuldigen.

Doch diese Anklagen lassen sich eher auf sie selbst anwenden; denn sie sind diejenigen, die das Banner Jesu Christi niederwarfen und von dem Glauben abwichen, „der einmal den Heiligen übergeben ist“.


Satan wußte gar wohl, daß die Heilige Schrift die Menschen befähigen würde, seine Täuschungen zu erkennen und seiner Macht zu widerstehen; hatte doch selbst der Heiland der Welt seinen Angriffen durch das Wort Gottes widerstanden.

Bei jedem Ansturm hielt Christus ihm den Schild der ewigen Wahrheit entgegen und sagte:

„Es steht geschrieben.“ Lukas 4,1-13.

 

Jeder Einflüsterung des Feindes widerstand er durch die Weisheit und Macht des Wortes.

Um die Herrschaft über die Menschen aufrechtzuerhalten und seine Autorität zu festigen, mußte Satan das Volk über die Heilige Schrift in Unwissenheit lassen.

Die Bibel würde Gott erheben und den sterblichen Menschen ihre wahre Stellung anweisen; deshalb mußten ihre heiligen Wahrheiten geheimgehalten und unterdrückt werden.

Diese Überlegung machte sich die Kirche zu eigen.

Jahrhundertelang war die Verbreitung der Heiligen Schrift verboten; (Siehe Anm. 003) das Volk durfte sie weder lesen noch im Hause haben, und gewissenlose Geistliche legten ihre Lehren zur Begründung ihrer eigenen Behauptungen aus.

Auf diese Weise wurde das Kirchenoberhaupt fast überall als Statthalter Gottes auf Erden anerkannt, der mit Autorität über Kirche und Staat ausgestattet worden sei.

 

Da das einzig zuverlässige Mittel zur Entdeckung des Irrtums beseitigt worden war, wirkte Satan ganz nach seiner Willkür.

In der Prophezeiung war erklärt worden, der Abtrünnige werde „sich unterstehen, Zeit und Gesetz zu ändern“ (Daniel 7,25), und er war nicht müßig, dies zu versuchen. Um den vom Heidentum Bekehrten einen Ersatz für die Anbetung von Götzen zu bieten und so ihre rein äußerliche Annahme des Christentums zu fördern, wurde stufenweise die Verehrung von Bildern und Reliquien in den christlichen Gottesdienst eingeführt.

Der Beschluß eines allgemeinen Konzils endlich bestätigte dieses System der Abgötterei.

Um das entheiligende Werk zu vervollständigen, maßte sich die Kirche an, das zweite Gebot des Gesetzes Gottes, das die Bilderanbetung (Siehe Anm. 004) verbietet, als selbständiges Gebot aufzuheben und das zehnte zu teilen, um die Zehnzahl beizubehalten.

 

Die Zugeständnisse gegenüber dem Heidentum öffneten den Weg für eine noch größere Mißachtung der Autorität des Himmels.

Satan tastete auch das vierte Gebot an und versuchte, den seit alters bestehenden Sabbat, den Tag, den Gott gesegnet und geheiligt hatte (1.Mose 2,2.3), beiseite zu setzen und statt seiner den von den Heiden als „ehrwürdigen Tag der Sonne“ begangenen Festtag zu erheben.

Diese Veränderung wurde anfangs nicht offen versucht.

In den ersten Jahrhunderten war der wahre Sabbat von allen Christen gehalten worden.

Sie eiferten für die Ehre Gottes, und da sie glaubten, sein Gesetz sei unveränderlich, wahrten sie eifrig die Heiligkeit seiner Vorschriften.

Aber mit großer Schlauheit wirkte Satan durch seine Werkzeuge, um sein Ziel zu erreichen.

Um die Aufmerksamkeit des Volkes auf den Sonntag zu richten, wurde dieser zu einem Festtag zu Ehren der Auferstehung Christi erklärt und an diesem Tag Gottesdienst gehalten; dennoch betrachtete man ihn nur als einen Tag der Erholung und hielt den Sabbat noch immer heilig.

 

Damit der Weg für das von ihm beabsichtigte Werk vorbereitet würde, hatte Satan die Juden vor der Ankunft Christi verleitet, den Sabbat mit übermäßig strengen Anforderungen zu belasten, so daß seine Feier zur Bürde wurde.

Jetzt benutzte er das falsche Licht, in dem er ihn auf diese Weise hatte erscheinen lassen, um auf diesen Tag, der eine jüdische Einrichtung war, Verachtung zu häufen. Während die Christen im allgemeinen fortfuhren, den Sonntag als einen Freudentag zu betrachten, veranlaßte Satan sie, um ihren Haß gegen alles Jüdische zu zeigen, den Sabbat zu einem Fasttag, einem Tag der Trauer und des Trübsinns zu gestalten.

 

Anfang des vierten Jahrhunderts erließ Kaiser Konstantin eine für das ganze Römische Reich gültige Verordnung, derzufolge der Sonntag als öffentlicher Festtag eingesetzt wurde.

Der Tag der Sonne wurde von den heidnischen Untertanen verehrt und von den Christen geachtet, und der Kaiser verfolgte die Absicht, die widerstreitenden Ansichten des Christentums und des Heidentums zu vereinen. (Siehe Anm. 005)

Er wurde dazu von den Bischöfen der Kirche gedrängt, die, von Ehrgeiz und Machtgier beseelt, einsahen, daß den Heiden die äußerliche Annahme des Christentums erleichtert und somit die Macht und Herrlichkeit der Kirche gefördert würde, wenn sowohl Christen als auch Heiden den selben Tag heilighielten.

Aber während viele fromme Christen allmählich dahin kamen, dem heidnischen Sonntag einen gewissen Grad von Heiligkeit beizumessen, hielten sie doch den wahren Sabbat dem HERRN heilig und beachteten ihn im Gehorsam gegen das vierte Gebot.

Der Erzbetrüger hatte sein Werk nicht vollendet.

Er war entschlossen, die ganze christliche Welt unter sein Banner zu sammeln und seine Macht geltend zu machen.

Durch halb bekehrte Heiden, ehrgeizige kirchliche Würdenträger und weltliebende Geistliche erreichte er seine Absicht.

Von Zeit zu Zeit wurden große Kirchenversammlungen abgehalten, zu denen die geistlichen Würdenträger aus allen Weltgegenden zusammenkamen.

Auf fast jedem Konzil wurde der von Gott eingesetzte Sabbat mehr und mehr erniedrigt und der Sonntag entsprechend erhöht.

So wurde der heidnische Festtag schließlich als eine göttliche Einrichtung verehrt, während man den biblischen Sabbat als Überbleibsel des Judentums verschrie und alle, die ihn feierten, verfluchte.

 

Dem großen Abtrünnigen war es gelungen, sich über „alles, was Gott oder Gottesdienst heißt“ (2.Thessalonicher 2,4), zu erheben.

Er hatte sich erkühnt, das einzige Gebot des göttlichen Gesetzes, das unverkennbar alle Menschen auf den wahren und lebendigen Gott hinweist, zu verändern.

Im vierten Gebot wird Gott als der Schöpfer Himmels und der Erde offenbart und dadurch von allen falschen Göttern unterschieden.

Zur Erinnerung an das Schöpfungswerk wurde der siebente Tag als Ruhetag für die Menschen geheiligt.

Er war dazu bestimmt, den Menschen den lebendigen Gott als Quelle des Heils und Ziel der Verehrung und Anbetung ständig vor Augen zu halten.

Satan ist jedoch bemüht, die Menschen von ihrer Treue zu Gott und von dem Gehorsam gegen sein Gesetz abwendig zu machen.

Deshalb richtet er seine Angriffe besonders gegen jenes Gebot, das Gott als den Schöpfer kennzeichnet.


Die Protestanten machen geltend, die Auferstehung Christi am Sonntag erhebe diesen Tag zum Ruhetag der Christen; hierfür fehlen jedoch die Beweise aus der Heiligen Schrift.

Weder Christus noch seine Apostel haben diesem Tag eine solche Ehre beigelegt.

Die Feier des Sonntags als eine christliche Einrichtung hat ihren Ursprung in jenem „Geheimnis der Bosheit“, daß sich schon in den Tagen des Paulus regte. (Grundtext: „Geheimnis der Gesetzlosigkeit““ 2.Thessalonicher 2,7.

 

Wo und wann aber hat der HERR den Sonntag, dieses Erzeugnis des Abfalls, angenommen?

Welcher rechtsgültige Grund kann für eine Veränderung genannt werden, die die Heilige Schrift nicht billigt?


Im sechsten Jahrhundert hatte das Papsttum bereits eine feste Grundlage gewonnen.

Der Sitz seiner Macht war in der kaiserlichen Stadt aufgerichtet und der Bischof von Rom zum Oberhaupt der ganzen Kirche bestimmt worden.

Das Heidentum war dem Papsttum gewichen, der Drache hatte dem Tier „seine Kraft und seinen Thron und große Macht“ gegeben.

Damit begannen die 1260 Jahre der Unterdrückung der Heiligen, die in der Prophezeiung von Daniel und der Offenbarung vorhergesagt sind (Siehe Anm. 006) Daniel 7,25; Offenbarung 13,5-7.


Die Christen wurden gezwungen zu wählen, ob sie entweder ihre Unbescholtenheit aufgeben und päpstliche Gebräuche und den päpstlichen Gottesdienst annehmen oder ihr Leben in Kerkerzellen verbringen, auf der Folterbank, auf dem Scheiterhaufen oder durch das Henkerbeil den Tod erleiden wollten.

Jetzt wurden die Worte Jesu erfüllt:

„Ihr werdet aber überantwortet werden von den Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden; und sie werden euer etliche töten. Und ihr werdet gehaßt sein von jedermann um meines Namens willen.“ Lukas 21,16.17.

 

Verfolgungen erhoben sich mit größerer Wut über die Gläubigen als je zuvor, und die Welt wurde ein ausgedehntes Schlachtfeld.

Jahrhundertelang fand die Gemeinde Zuflucht in der Einsamkeit und Verborgenheit.

So sagt der Prophet:

„Und das Weib entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hat, bereitet von Gott, daß sie daselbst ernährt würde tausendzweihundertundsechzig Tage.“ Offenbarung 12,6.

 

Der Aufstieg der römischen Kirche zur Macht kennzeichnet den Beginn des finsteren Mittelalters.

Je mehr ihre Macht zunahm, desto dichter wurde die Finsternis.

Der Glaube wurde von Christus, dem wahren Grund, auf den Statthalter in Rom übertragen.

Statt für die Vergebung der Sünden und das ewige Heil auf den Sohn Gottes zu vertrauen, sah das Volk auf den Papst und auf die von ihm bevollmächtigten Priester und Prälaten.

Es wurde gelehrt, der Papst sei der irdische Mittler und niemand könne sich Gott nähern, es sei denn durch ihn.

Ferner wurde verkündet, daß er für die Menschen Gottes Stelle einnehme und ihm deshalb unbedingt zu gehorchen sei.

Ein Abweichen von seinen Forderungen genügte, um die Schuldigen mit härtesten Strafen für Leib und Seele zu belegen.

So wurden die Gemüter des Volkes von Gott abgelenkt und auf fehlbare, irrende und grausame Menschen gerichtet, ja, mehr noch auf den Fürsten der Finsternis selbst, der durch diese Menschen seine Macht aus übte.

Die Sünde war unter dem Gewand der Heiligkeit verborgen.

Wenn die Heilige Schrift unterdrückt wird und Menschen sich selbst an die oberste Stelle setzen, können wir nichts anderes erwarten als Betrug, Täuschung und erniedrigende Ungerechtigkeit.

Mit der Höherstellung menschlicher Gesetze, Überlieferungen und Verordnungen wurde die Verderbnis offenbar, die stets aus der Verwerfung göttlicher Gebote hervorgeht.

Dies waren Tage der Gefahr für die Gemeinde Christi.

Der treuen Bannerträger waren wahrlich wenige.

Obwohl die Wahrheit nicht ohne Zeugen blieb, schien es doch zuweilen, als ob Irrtum und Aberglaube vollständig überhandnehmen wollten und die wahre Religion von der Erde verbannt würde. Man verlor das Evangelium aus den Augen, religiöse Bräuche hingegen wurden vermehrt und die Menschen mit übermäßig harten Anforderungen belastet.

Sie wurden nicht nur gelehrt, den Papst als ihren Mittler zu betrachten, sondern auch zur Versöhnung ihrer Sünden auf ihre eigenen Werke zu vertrauen.

Lange Pilgerfahrten, Bußübungen, die Anbetung von Reliquien, die Errichtung von Kirchen, Kapellen und Altären, das Bezahlen hoher Geldsummen an die Kirche, diese und viele ähnliche Werke wurden den Menschen auferlegt, um den Zorn Gottes zu besänftigen oder sich seiner Gunst zu versichern, als ob Gott, gleich einem Menschen, wegen Kleinigkeiten erzürnt oder durch Gaben und Bußübungen zufriedengestellt werden könnte.

 

Obgleich die Sünde selbst unter den Führern der römischen Kirche überhandnahm, der Einfluß der Kirche schien dennoch ständig zu zu wachsen.

Etwa Mitte des achten Jahrhunderts erhoben die Verteidiger des Papsttums den Anspruch, daß im ersten Zeitalter der Kirche die Bischöfe von Rom die gleiche geistliche Macht besessen hätten, die sie sich jetzt anmaßten.

Um diesen Anspruch geltend zu machen, mußte irgendein Mittel angewandt werden, um ihm den Schein von Autorität zu verleihen, und dies wurde von dem Vater der Lüge bereitwillig ins Werk gesetzt.

Alte Handschriften wurden von Mönchen nachgeahmt; bis dahin unbekannte Beschlüsse von Kirchenversammlungen wurden entdeckt, die die allgemeine Oberherrschaft des Papstes von den frühesten Zeiten an bestätigten.

Und eine Kirche, die die Wahrheit verworfen hatte, nahm diese Fälschungen begierig an. (Siehe Anm. 007)

 

Die wenigen Getreuen, die auf den wahren Grund bauten (vgl. 1.Korinther 3,10.11), wurden verwirrt und gehindert, als das Durcheinander falscher Lehren das Werk lähmte.

Gleich den Bauleuten auf den Mauern Jerusalems in den Tagen Nehemias waren einige bereit zu sagen:

„Die Kraft der Träger ist zu schwach, und des Schuttes ist zu viel; wir können an der Mauer nicht bauen.“ Nehemia 4,4.

 

Zutiefst ermüdet von dem ständigen Kampf gegen Verfolgung, Betrug, Ungerechtigkeit und jedes andere Hindernis, das Satan ersinnen konnte, um ihren Fortschritt zu hindern, wurden manche, die treue Bauleute gewesen waren, entmutigt und wandten sich, um des Friedens, der Sicherheit ihres Eigentums und ihres Lebens willen von dem wahren Grund ab.

Andere, unerschrocken bei dem Widerstand ihrer Feinde, erklärten furchtlos: „Fürchtet euch nicht vor ihnen; gedenket an den großen schrecklichen HERRN und streitet für eure Brüder, Söhne, Töchter,Weiber und Häuser!“

Und entschlossen setzten die Bauleute ihre Arbeit fort, jeder sein Schwert um seine Lenden gegürtet. Nehemia 4,8; vgl. Epheser 6,17.

 

Der gleiche Geist des Hasses und des Widerstandes gegen die Wahrheit hat zu allen Zeiten Gottes Feinde angefeuert, und die gleiche Wachsamkeit und Treue ist von seinen Dienern verlangt worden.

Die an die ersten Jünger gerichteten Worte Christi gelten allen seinen Nachfolgern bis ans Ende der Zeit:

„Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“ Markus 13,37.

 

Die Finsternis schien dichter zu werden.

Die Bilderverehrung breitete sich immer mehr aus. Vor den Bildern wurden Kerzen angezündet und Gebete dargebracht.

Die widersinnigsten und abergläubischsten Gebräuche nahmen überhand.

Die Gemüter der Menschen wurden so völlig vom Aberglauben beherrscht, daß die Vernunft ihre Macht verloren zu haben schien.

Wenn Priester und Bischöfe vergnügungssüchtig, sinnlich und verderbt waren, konnte nichts anderes erwartet werden, als daß das zu ihnen als geistlichen Führern aufschauende Volk in Unwissenheit und Laster versank.

Ein weiterer Schritt in der päpstlichen Anmaßung erfolgte, als im 11.Jahrhundert Papst Gregor der VII. die Vollkommenheit der römischen Kirche verkündigte. (Siehe Anm. 008)

 

In den von ihm veröffentlichten Thesen erklärte er u.a., daß die Kirche nicht geirrt habe und nach der Heiligen Schrift niemals irren werde; aber biblische Beweise stützten diese Behauptung nicht.

Der stolze Oberpriester beanspruchte auch die Macht, Kaiser absetzen zu können, und erklärte, daß kein von ihm verkündeter Rechtsspruch von irgend jemand umgestoßen werden könne, während er berechtigt sei, die Beschlüsse anderer aufzuheben.

 

Einen schlagenden Beweis seines despotischen Charakters lieferte dieser Befürworter der Unfehlbarkeit in der Behandlung des deutschen Kaisers Heinrich IV.

Weil dieser Fürst gewagt hatte, die Macht des Papstes zu mißachten, wurde er in den Kirchenbann getan und für entthront erklärt.

Erschreckt über die Untreue und die Drohungen seiner eigenen Fürsten, die in ihrer Empörung gegen ihn durch den päpstlichen Erlaß ermutigt wurden, hielt Heinrich es für notwendig, mit Rom Frieden zu schließen.

In Begleitung seiner Gemahlin und eines treuen Dieners überschritt er im Winter die Alpen, um sich vor dem Papst zu demütigen.

Als er das Schloß Canossa, wohin Gregor sich zurückgezogen hatte, erreichte, wurde er ohne seine Leibwache in einen Vorhof geführt, und dort erwartete er in der strengen Kälte des Winters mit unbedeckten Haupt und nackten Füßen, bekleidet mit einem Büßergewand, die Erlaubnis des Papstes, vor ihm erscheinen zu dürfen.

Erst nachdem er drei Tage mit Fasten und Beichten zugebracht hatte, ließ sich der Papst herab, ihm Verzeihung zu gewähren, und selbst dann geschah es nur unter der Bedingung, daß der Kaiser seine (des Papstes) Genehmigung abwarte, ehe er sich aufs neue mit dem Zeichen seiner Würde schmücke oder sein Königtum ausübe. Gregor aber, durch seinen Sieg kühn gemacht, prahlte, daß es seine Pflicht sei, den Stolz der Könige zu demütigen.

 

Wie auffallend ist der Unterschied zwischen der Überheblichkeit dieses Priesterfürsten und der Sanftmut und Milde Christi, der sich selbst als der an der Tür des Herzens um Einlaß Bittende darstellt, damit er einkehren kann, um Vergebung und Frieden zu bringen, und der seine Jünger lehrt:

„Wer da will der Vornehmste sein, der sei euer Knecht.“ Matthäus 20,27.

 

Die folgenden Jahrhunderte zeugen von einer beständigen Zunahme des Irrtums in den von Rom ausgehenden Lehren.

Schon vor der Aufrichtung des Papsttums war den Lehren heidnischer Philosophen Aufmerksamkeit geschenkt worden, und sie hatten einen gewissen Einfluß in der Kirche ausgeübt.

Viele angeblich Bekehrte hingen noch immer an den Lehrsätzen ihrer heidnischen Philosophie. Sie fuhren nicht nur fort, sie weiterhin zu erforschen, sondern drängten sie auch andern auf, um ihren Einfluß unter den Heiden auszudehnen.

Auf diese Weise wurden bedenkliche Irrtümer in den christlichen Glauben eingeschleppt.

An erster Stelle stand dabei der Glaube an die natürliche (seelische) Unsterblichkeit des Menschen und an sein Bewußtsein nach dem Tode.

Auf der Grundlage dieser Lehre führte Rom die Anrufung der Heiligen und die Verehrung der Jungfrau Maria ein. (Siehe Anm. 009)

 

Hieraus entsprang auch die dem päpstlichen Glauben schon früh hinzugefügte Irrlehre einer ewigen Qual für die bis zuletzt Unbußfertigen.

Damit war der Weg für die Einführung einer weiteren Erfindung vorbereitet, die Rom das Fegfeuer nannte und anwandte, um der leichtgläubigen und abergläubischen Menge Furcht einzujagen.

In dieser Irrlehre wird behauptet, daß es einen Ort der Qual gebe, an dem die Seelen derer, die keine ewige Verdammnis verdient haben, für ihre Sünden bestraft werden. Sobald sie von aller Unreinigkeit frei sind, werden auch sie in den Himmel aufgenommen. (Siehe Anm. 010)

 

Noch eine andere Verfälschung war notwendig, um Rom in den Stand zu setzen, die Furcht und die Untugenden seiner Anhänger für sich auszunutzen.

Diese fand sich in der Ablaßlehre.

Volle Vergebung der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Sünden, Erlaß aller sich dadurch zugezogenen Strafen und Qualen wurde allen zugesichert, die sich an den Kriegen des Papsttums beteiligten, sei es, um seine weltliche Herrschaft zu erweitern, seine Feinde zu züchtigen oder jene auszutilgen, die sich erkühnten, seiner geistlichen Oberherrschaft die Anerkennung zu versagen.

Es wurde ferner gelehrt, daß man sich durch Zahlen von Geldern an die Kirche von Sünden nicht nur befreien, sondern daß man auch die Seelen verstorbener Freunde, die in den peinigenden Flammen gefangengehalten würden, erlösen könnte.

Durch solche Mittel füllte Rom seine Kassen und unterhielt den Prunk, das Wohlleben und die Laster der angeblichen Vertreter dessen, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte. (Siehe Anm. 011)

 

Die schriftgemäße Verordnung des Abendmahls war durch das Meßopfer verdrängt worden.

Die Priester behaupteten, daß einfaches Brot und Wein in den persönlichen Leib und das wirkliche Blut Christi verwandelt würden. Mit geradezu gotteslästerlicher Anmaßung beanspruchten sie öffentlich die Macht, Gott, den Schöpfer aller Dinge, „zu schaffen“. (Siehe Anm. 012)

 

Von den Christen wurde bei Todesstrafe verlangt, ihren Glauben an diese entsetzliche, Himmel schmähende Lehre zu bekennen. Scharenweise wurden solche, die sich weigerten, den Flammen übergeben.

Im 13. Jahrhundert wurde jenes schrecklichste Mittel des Papsttums eingeführt: die Inquisition. (Siehe Anm. 013)

 

Der Fürst der Finsternis wirkte mit den Würdenträgern der päpstlichen Hierarchie zusammen.

In ihren geheimen Beratungen beherrschten Satan und seine Engel die Gemüter von schlechten Menschen, während ein Engel Gottes unsichtbar in ihrer Mitte stand und den furchtbaren Bericht ihrer ungerechten, gottlosen Verordnungen aufnahm und die Geschichte ihrer Taten niederschrieb, die zu scheußlich sind, um menschlichen Augen unterbreitet zu werden. Die große Babylon war „trunken von dem Blut der Heiligen“. Die verstümmelten Leiber von Millionen Blutzeugen schrien zu Gott um Vergeltung gegen jene abtrünnige Macht.

 

Das Papsttum war zum Zwingherrn der Welt geworden.

Könige und Kaiser beugten sich den Erlassen des römischen Bischofs.

Das Schicksal der Menschen schien für Zeit und Ewigkeit von ihm abhängig zu sein. Jahrhundertelang waren die Lehren Roms weithin und unbedingt angenommen, seine Zeremonien ehrfurchtsvoll vollzogen, seine Feste allgemein beachtet worden.

Seine Geistlichkeit wurde geehrt und freigebig unterstützt.

Nie hat die römische Kirche größere Würde, Herrlichkeit oder Macht erlangt.


Die Glanzzeit des Papsttums war für die Welt eine Zeit tiefster Finsternis.

Die Heilige Schrift war nicht nur dem Volk, sondern auch den Priestern nahezu unbekannt.

Gleich den Pharisäern vor alters haßten die päpstlichen Würdenträger das Licht, das ihre Sünden aufdecken würde.

Da sie Gottes Gesetz, das Richtmaß der Gerechtigkeit, beiseite getan hatten, übten sie schrankenlos ihre Gewalt aus und verfielen moralischer Verderbtheit. Betrug, Habsucht und Verschwendung waren an der Tagesordnung.

Die Menschen schreckten vor keiner Gewalttat zurück, wenn sie dadurch Reichtum oder Ansehen gewinnen konnten.

Die Paläste der Päpste und Prälaten waren Schauplatz wüster Ausschweifungen. Manche der regierenden Päpste hatten sich derartig empörender Verbrechen schuldig gemacht, daß weltliche Herrscher diese Würdenträger der Kirche abzusetzen versuchten, die sich zu niederträchtig gebärdeten, als daß man sie hätte länger dulden können.

Jahrhundertelang machte Europa auf wissenschaftlichem, kulturellem oder zivilisatorischem Gebiet keine Fortschritte.

Eine sittliche und geistliche Lähmung hatte das Christentum befallen.

 

Der Zustand der unter Roms Herrschaft stehenden Welt veranschaulicht deutlich die furchtbare und genaue Erfüllung der Worte des Propheten Hosea:

„Mein Volk ist dahin, darum daß es nicht lernen will. Denn du verwirfst Gottes Wort; darum will ich dich auch verwerfen ... Du vergissest das Gesetz deines Gottes; darum will ich auch deine Kinder vergessen.“

„Es ist keine Treue, keine Liebe, keine Erkenntnis Gottes im Lande; sondern Gotteslästern, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen hat überhandgenommen und eine Blutschuld kommt nach der andern.“ Hosea 4,6.1.2.

 

Derart waren die Folgen, die sich aus der Verbannung des Wortes Gottes ergaben.

 

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Der große Kampf

zwischen Licht und Finsternis

Kapitel 3:

Der Abfall

 

Ellen G. White – Eine Prophetin Gottes

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