Eine große religiöse Erweckung



Der große Kampf

zwischen Licht und Finsternis

Kapitel 20:

Eine große religiöse Erweckung



In der Weissagung über die erste Engelsbotschaft in Offenbarung 14 wird unter der Verkündigung der baldigen Ankunft Christi eine große religiöse Erweckung vorhergesagt.

Johannes sieht „einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern“.

Mit großer Stimme verkündete er die Botschaft:

„Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit seines Gerichts ist gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserbrunnen.“ Offenbarung 14,6.7.



Die Tatsache, daß ein Engel als Herold dieser Warnung bezeichnet wird, ist bedeutungsvoll.

Es hat der göttlichen Weisheit gefallen, durch die Reinheit, Herrlichkeit und Macht des himmlischen Boten die Erhabenheit des durch die Botschaft auszuführenden Werkes sowie die Macht und Herrlichkeit, die sie begleiten sollten, darzustellen.

Der „mitten durch den Himmel“ fliegende Engel, die „große Stimme“, mit der die Botschaft verkündigt wird, und ihre Verbreitung unter allen, „die auf Erden wohnen“, „allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern“, bekunden die Schnelligkeit und die weltweite Ausdehnung der Bewegung.


Die Botschaft erhellt die Zeit, wann diese Bewegung stattfinden soll.

Es heißt, daß sie ein Teil des „ewigen Evangeliums“ sei, und sie kündigt den Beginn des Gerichts an.

Die Heilsbotschaft ist zu allen Zeiten verkündigt worden; aber diese Botschaft hier ist ein Teil des Evangeliums, das nur in den letzten Tagen verkündigt werden kann, denn nur dann würde es wahr sein, daß die Stunde des Gerichts gekommen ist.

Die Weissagungen zeigen eine Reihe von Ereignissen, die bis zum Beginn des Gerichts reichen.



Dies ist besonders bei dem Buche Daniel der Fall.

Jenen Teil seiner Weissagungen aber, der sich auf die letzten Tage bezieht, sollte Daniel verbergen und versiegeln „bis auf die letzte Zeit“.

Erst dann, als diese Zeit erreicht war, konnte die Botschaft des Gerichts, die sich auf die Erfüllung dieser Weissagung gründet, verkündigt werden.

Aber in der letzten Zeit, sagt der Prophet, „werden viele darüber kommen und großen Verstand finden“. Daniel 12,4.


Der Apostel Paulus warnte die Gemeinde, die Wiederkunft Christi in seinen Tagen zu erwarten:

„Denn er (der Tag Christi) kommt nicht, es sei denn, daß zuvor der Abfall komme und offenbart werde der Mensch der Sünde.“ 2.Thessalonicher 2,3.



Erst nach dem großen Abfall und der langen Regierungszeit des „Menschen der Sünde“ dürfen wir die Ankunft unseres Herrn erwarten.

Diese Zeit endete im Jahre 1798.

Das Kommen Christi konnte nicht vor jener Zeit stattfinden.

Die Warnung des Paulus erstreckt sich über die lange christliche Bundeszeit bis zum Jahre 1798.

Erst danach sollte die Botschaft von der Wiederkunft Christi verkündigt werden.

Eine solche Botschaft wurde in den vergangenen Zeiten nie gepredigt.

Paulus verkündigte sie, wie wir gesehen haben, nicht, er verwies seine Brüder in der Frage der Wiederkunft des Herrn in die damals weit entfernte Zukunft.

Die Reformatoren verkündigten sie nicht.

Martin Luther erwartete das Gericht ungefähr dreihundert Jahre nach seiner Zeit. Aber seit dem Jahre 1798 ist das Buch Daniel entsiegelt worden, das Verständnis der Weissagungen hat zugenommen, und viele haben die feierliche Botschaft von dem nahen Gericht verkündigt.



Wie die große Reformation im 16. Jahrhundert, so kam die Adventbewegung gleichzeitig in verschiedenen Ländern der Christenheit auf.

Sowohl in Europa als auch in Amerika studierten Männer des Glaubens und des Gebets die Weissagungen, verfolgten die von Gott eingegebenen Berichte und fanden überzeugende Beweise, daß das Ende aller Dinge nahe war.

In verschiedenen Ländern entstanden vereinzelte Gruppen von Christen, die allein durch das Studium der Heiligen Schrift zu der Überzeugung gelangten, daß die Ankunft des Heilandes bevorstand.


Im Jahre 1821, drei Jahre nachdem Miller das Verständnis der Weissagungen aufgegangen war, die auf die Zeit des Gerichts hinwiesen, begann Dr. Joseph Wolff, „der Missionar für die ganze Welt“, das baldige Kommen des Herrn zu verkündigen. Wolff war Jude, aus Deutschland gebürtig; sein Vater war Rabbiner.

Schon sehr früh wurde Wolff von der Wahrheit der christlichen Religion überzeugt. Von tätigem und forschendem Verstand, hatte er aufmerksam den im elterlichen Hause stattfindenden Gesprächen gelauscht, wenn sich dort täglich fromme Juden einfanden, um die Hoffnungen und Erwartungen ihres Volkes, die Herrlichkeit des kommenden Messias und die Wiederaufrichtung Israels zu besprechen.

Als der Knabe eines Tages den Namen Jesus von Nazareth hörte, fragte er, wer das sei.

Die Antwort lautete:

„Ein höchst begabter Jude; weil er aber vorgab, der Messias zu sein, verurteilte ihn das jüdische Gericht zum Tode.“, „Warum ist Jerusalem zerstört“, fuhr der Fragesteller fort, „und warum sind wir in Gefangenschaft?“, „Ach“, antwortete der Vater, „weil die Juden die Propheten umbrachten.“

Dem Kind kam sofort der Gedanke:

„Vielleicht war auch Jesus von Nazareth ein Prophet, und die Juden haben ihn getötet, obgleich er unschuldig war.“ (Wolff, „Reiseerfahrungen“, Bd. I, 6f.)



Dies Gefühl war so stark, daß er, obwohl es ihm untersagt war, eine christliche Kirche zu betreten, doch oft draußen stehenblieb, um der Predigt zuzuhören.


Als er erst sieben Jahre alt war, prahlte er vor einem betagtem christlichen Nachbar von dem zukünftigen Triumph Israels beim Kommen des Messias, worauf der alte Mann freundlich sagte:

„Mein Junge, ich will dir sagen, wer der wirkliche Messias war:

Es war Jesus von Nazareth, den deine Vorfahren kreuzigten, wie sie vorzeiten auch die Propheten umbrachten.

Geh heim und lies das 53. Kapitel des Jesaja, und du wirst überzeugt werden, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist.“


Wolff war sofort davon überzeugt, ging nach Hause, las den betreffenden Abschnitt und gewahrte mit Verwunderung, wie vollkommen dieser in Jesus von Nazareth erfüllt worden war.

Konnten die Worte des Christen wahr sein?

Der Knabe bat seinen Vater um eine Erklärung der Weissagung; dieser aber trat ihm mit einem so finsteren Schweigen entgegen, daß er es nie wieder wagte, darauf zurückzukommen.


Immerhin verstärkte sich hierdurch sein Verlangen, mehr von der christlichen Religion zu erfahren.

Die Erkenntnis, die er suchte, wurde in seinem jüdischen Familienkreis sorgfältig von ihm ferngehalten; aber als er elf Jahre alt war, verließ er seines Vaters Haus, um in die Welt hinauszugehen, sich eine Ausbildung zu verschaffen und Religion und Beruf zu wählen.

Er fand eine Zeitlang bei Verwandten Unterkunft, wurde aber bald als Abtrünniger von ihnen vertrieben und mußte sich allein und mittellos seinen Weg unter Fremden bahnen.

Er zog von Ort zu Ort, studierte fleißig und verdiente sich seinen Unterhalt durch hebräischen Sprachunterricht.

Durch den Einfluß eines katholischen Lehrers wurde er zum päpstlichen Glauben geführt, und er faßte den Entschluß, Missionar unter seinem eigenen Volk zu werden. In dieser Absicht ging er wenige Jahre später an das katholische Missionsinstitut, (Das „Collegium pro fide Propaganda“, an dem außer Theologie, Philosophie und Kirchenrecht noch Hebräisch, Arabisch, Syrisch, Griechisch und Armenisch gelehrt wurde.), nach Rom, um dort seine Studien fortzusetzen.

Hier trug ihm seine Gewohnheit, unabhängig zu denken und offen zu reden, den Vorwurf der Ketzerei ein.

Er griff vorbehaltlos die Mißbräuche der Kirche an und betonte die Notwendigkeit einer Umgestaltung.


Obgleich er zuerst von den päpstlichen Würdenträgern mit besonderer Gunst behandelt worden war, mußte er doch nach einiger Zeit Rom verlassen.

Unter der Aufsicht der Kirche ging er von Ort zu Ort, bis man sich überzeugt hatte, daß er sich niemals dem Joch der römischen Kirche unterwerfen würde.

Man nannte ihn unverbesserlich und ließ ihn gehen, wohin er wollte.

Er schlug nun den Weg nach England ein und trat, indem er den protestantischen Glauben annahm, zur anglikanischen Kirche über.

Nach zweijährigem intensivem Studium begann er im Jahre 1821 sein Lebenswerk.



Während Wolff die große Wahrheit von der ersten Ankunft Christi als „des Allerverachtetsten und Unwertesten, voller Schmerzen und Krankheit“ annahm, erkannte er, daß die Weissagungen mit gleicher Deutlichkeit seine Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit vor Augen führten.

Und während er sein Volk zu Jesus von Nazareth, dem Verheißenen, führen und dessen Erscheinen in Niedrigkeit als ein Opfer für die Sünden der Menschen zeigen wollte, wies er sie gleichzeitig auf Christi Wiederkunft als König und Erlöser hin.

Er sagte:

„Jesus von Nazareth, der wahre Messias, dessen Hände und Füße durchbohrt wurden, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde, der ein Mann der Schmerzen und Leiden war, der zum ersten mal kam, nachdem das Zepter von Juda und der Herrscherstab von seinen (Judas) Füßen gewichen war, wird zum zweiten Male kommen in den Wolken des Himmels mit der Posaune des Erzengels. (Wolff, „Forschungen und Missionswirken“ 62)



Er wird „auf dem Ölberge stehen; und jene Herrschaft über die Schöpfung, die einst Adam zugewiesen war und von ihm verwirkt wurde (1.Mose 1,26; 1.Mose 3,17), wird Jesus gegeben werden.

Er wird König sein über die ganze Erde.

Das Seufzen und Klagen der Schöpfung wird aufhören, und Lob- und Danklieder werden erschallen.

Wenn Jesus in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen heiligen Engeln kommt ... werden die ‚Toten in Christo‘ zuerst auferstehen (1.Thessalonicher 4,16; 1.Korinther 15,23).


Dies nennen wir Christen die erste Auferstehung.

Danach wird die Tierwelt ihren Charakter ändern (Jesaja 11,6-9) und Jesus untertan werden. Psalm 8.

Allgemeiner Friede wird herrschen“.

„Der HERR wird wiederum auf die Erde niederschauen und sagen: Siehe, es ist sehr gut.“ (Wolff, „Tagebuch“ 378.379.294)


Wolff glaubte, daß das Kommen des Herrn nahe sei.

Seine Auslegung der prophetischen Zeitangaben wich nur um wenige Jahre von der Zeit ab, in der Miller die große Vollendung erwartete.

Denen, die auf Grund des Textes:

„Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand“ (Matthäus 24,36) geltend zu machen suchten, daß den Menschen die Nähe der Wiederkunft Christi unbekannt bleiben sollte, antwortete Wolff:

„Sagte unser Herr, daß der Tag und die Stunde nie bekannt werden sollten?

Hat er uns nicht Zeichen der Zeit gegeben, damit wir wenigstens das Herannahen seiner Wiederkunft erkennen könnten, so wie man an dem Feigenbaum, wenn er Blätter treibt, weiß, daß der Sommer nahe ist? Matthäus 24,32.



Sollen wir jene Zeit nie erkennen können, obgleich er selbst uns ermahnt, den Propheten Daniel nicht nur zu lesen, sondern auch zu verstehen?

Gerade in Daniel heißt es, daß diese Worte bis auf die Zeit des Endes verborgen bleiben sollten (was zu seiner Zeit der Fall war), und daß, viele darüber kommen (hebräischer Ausdruck für betrachten und nachdenken über die Zeit) und ‚großen Verstand‘ (hinsichtlich der Zeit) finden würden. Daniel 12,4.


Überdies will unser Herr damit nicht sagen, daß das Herannahen der Zeit unbekannt bleiben soll, sondern nur, daß niemand den bestimmten Tag und die genaue Stunde weiß.

Er sagt, es soll genügend durch die Zeichen der Zeit bekannt werden, um uns anzutreiben, uns auf seine Wiederkunft vorzubereiten, gleichwie Noah die Arche baute.“ (Wolff, „Forschungen und Missionswirken“ 404.405)



Soweit Wolff zu den Einwänden, daß niemand Zeit und Stunde wisse.

Hinsichtlich der volkstümlichen Auslegung oder Mißdeutung der Heiligen Schrift schrieb Wolff:

„Der größere Teil der christlichen Kirche ist von dem klaren Sinn der Heiligen Schrift abgewichen und hat sich der trügerischen Lehre des Buddhismus zugewandt, die vorgibt, daß das zukünftige Glück der Menschen in einem Hin- und Herschweben in der Luft bestehe; sie nimmt an, daß Heiden darunter zu verstehen seien, wenn sie Juden lesen; daß die Kirche gemeint sei, wenn sie Jerusalem lesen; daß es Himmel bedeute, wenn es heißt Erde; daß an den Fortschritt der Missionsgesellschaften zu denken sei, wenn vom Kommen des Herrn die Rede ist; und daß unter dem Ausdruck ‚auf den Berg des Hauses Gottes gehen‘ eine große Versammlung der Methodisten zu verstehen sei.“ (Wolff, „Tagebuch“ 96)



Während der vierundzwanzig Jahre von 1821 bis 1845 bereiste Wolff viele Länder.

In Afrika besuchte er Ägypten und Abessinien; in Asien Palästina, Syrien, Persien, Buchara (Turkestan) und Indien.

Auch nach den Vereinigten Staaten kam er.

Bei der Hinreise predigte er auf der Insel St. Helena.

Im August des Jahres 1837 traf er in Neuyork ein; nachdem er in jener Stadt gesprochen hatte, predigte er in Philadelphia und Baltimore und ging schließlich nach Washington.

„Hier wurde mir“, sagte er, „auf Vorschlag des Expräsidenten John Quincy Adams in einem der Häuser des Kongresses einstimmig die Benutzung des Kongreßsaales für einen Vortrag zur Verfügung gestellt, den ich an einem Samstag in Gegenwart sämtlicher Mitglieder des Kongresses, des Bischofs von Virginia sowie der Geistlichkeit und der Bürger von Washington hielt.

Die Mitglieder der Regierung von New Jersey und Pennsylvanien zollten mir die gleiche Ehre.

In ihrer Gegenwart hielt ich Vorlesungen über meine Forschungen in Asien sowie auch über die persönliche Regierung Jesu Christi.“ (Wolff, „Tagebuch“ 377)



Dr. Wolff bereiste die unzivilisiertesten Länder ohne den Schutz irgendeiner europäischen Regierung; er erduldete viele Mühsale und war von zahllosen Gefahren umgeben.

Er bekam Stockschläge auf die Fußsohlen, mußte hungern, wurde als Sklave verkauft und dreimal zum Tode verurteilt.

Räuber fielen ihn an, und manchmal wäre er fast verdurstet.

Einmal verlor er alle seine Habe und mußte zu Fuß Hunderte von Meilen durch das Gebirge wandern, während ihm der Schnee ins Gesicht trieb und seine nackten Füße durch die Berührung mit dem gefrorenen Boden erstarrten.


Warnte man ihn davor, unbewaffnet unter wilde und feindselige Stämme zu gehen, so erklärte er, daß er mit Waffen versehen sei, mit dem Gebet, mit Eifer für Christus und mit Vertrauen auf seine Hilfe.

„Ich habe auch“, sagte er, „die Liebe zu Gott und meinem Nächsten im Herzen und trage die Bibel in meiner Hand.“

Er führte, wohin er auch ging, eine hebräische und eine englische Bibel bei sich.

Von einer seiner späteren Reisen sagt er:

„Ich hielt die Bibel offen in meiner Hand.

Ich fühlte, daß meine Kraft in dem Buche war und daß seine Macht mich erhalten würde.“ (Adams, „In Perils Oft“ 192f.)



Auf diese Weise harrte er in seiner Arbeit aus, bis die Gerichtsbotschaft über einen großen Teil des bewohnten Erdballs gegangen war.

Unter Juden, Türken, Parsen, Hindus und vielen andern Nationen und Stämmen teilte er das Wort Gottes in den verschiedenen Sprachen aus und verkündigte überall die kommende Herrschaft des Messias.


Auf seinen Reisen fand er die Lehre von der baldigen Wiederkunft des Herrn in Buchara bei einem entlegenen abgesonderten Volksstamm.

Er sagte ferner:

„Die Araber des Jemen sind im Besitz eines Buches, ‚Seera‘ genannt, das Kunde gibt von der Wiederkunft Christi und seiner Regierung in Herrlichkeit, und sie erwarten für das Jahr 1840 große Ereignisse.“ (Wolff, ebd. 398.399)



„Im Jemen verbrachte ich sechs Tage mit den Rechabiten.

Sie trinken keinen Wein, pflanzen keine Weinberge, säen keine Saat, wohnen in Zelten und gedenken der Worte Jonadabs, des Sohnes Rechabs.

Es befanden sich auch Israeliten aus dem Stamm Dan bei ihnen, die gemeinsam mit den Kindern Rechabs die baldige Ankunft des Messias in den Wolken des Himmels erwarten.“ (Wolff, „Tagebuch“ 389)


Einen ähnlichen Glauben fand ein anderer Missionar bei den Tataren.

Ein tatarischer Priester stellte an einen Missionar die Frage, wann denn Christus wiederkäme.

Als der Missionar antwortete, daß er nichts davon wisse, schien der Priester sehr überrascht zu sein ob solcher Unwissenheit bei einem, der vorgab, Bibellehrer zu sein, und erklärte seinen eigenen auf die Weissagung gegründeten Glauben, daß Christus ungefähr im Jahre 1844 kommen würde.



In England fing man schon im Jahre 1826 an, die Adventbotschaft zu predigen.

Die Bewegung nahm hier keine so entschiedene Form an wie in Amerika; die genaue Zeit der Wiederkunft Christi lehrte man nicht so allgemein, aber die große Wahrheit von dem baldigen Kommen Christi in Macht und Herrlichkeit wurde überall verkündigt; und dies nicht nur unter denen, die nicht zur anglikanischen Kirche gehörten.

Mourant Brock, ein englischer Schriftsteller, gibt an, daß sich ungefähr siebenhundert Prediger der anglikanischen Kirche mit der Verkündigung dieses „Evangeliums vom Reich“ befaßten.



Auch in Großbritannien wurde die Botschaft seines Kommens, die auf das Jahr 1844 hinwies, verkündigt.

Drucksachen über die Adventbewegung wurden von den Vereinigten Staaten aus überallhin versandt.

In England gab man wieder Bücher und Zeitschriften heraus, und im Jahre 1842 kehrte Robert Winter, ein gebürtiger Engländer, der den Adventglauben in Amerika angenommen hatte, in seine Heimat zurück, um das Kommen des Herrn zu verkündigen.

Viele vereinten sich mit ihm in dieser Aufgabe; die Gerichtsbotschaft wurde in verschiedenen Teilen Englands verbreitet.



In Südamerika fand Lacunza, ein Spanier und Jesuit, inmitten von Priestertrug und roher Unwissenheit seinen Weg zur Heiligen Schrift und erkannte die Wahrheit von der baldigen Wiederkunft Christi.

Innerlich getrieben, die Warnung zu erteilen, und doch darauf bedacht, den Kirchenstrafen Roms zu entrinnen, veröffentlichte er seine Ansichten unter dem Decknamen „Rabbi Ben-Esra“, indem er sich für einen bekehrten Juden ausgab. Lacunza lebte im 18. Jahrhundert; sein Buch, das den Weg nach London gefunden hatte, wurde ungefähr im Jahre 1825 in die englische Sprache übersetzt.

Seine Herausgabe diente dazu, die in England erwachte Aufmerksamkeit hinsichtlich der Wiederkunft Christi zu steigern.



In Deutschland war diese Lehre im 18. Jahrhundert von Bengel, dem berühmten Bibelgelehrten und Kritiker, einem Prälaten der lutherischen Kirche, gepredigt worden.

Nach Vollendung seiner Schulbildung hatte Bengel „sich dem Studium der Theologie gewidmet, wozu ihn sein tiefernstes und frommes Gemüt, durch seine frühe Bildung und Zucht erweitert und verstärkt, von Natur hinzog.

Wie andere denkende junge Männer vor und nach ihm hatte auch er mit religiösen Zweifeln und Schwierigkeiten zu kämpfen, und mit tiefem Gefühl spricht er von den ‚vielen Pfeilen, die sein armes Herz durchbohrten und seine Jugend schwer erträglich machten‘.“ (1Encyclopedia Britannica, art. Bengel; Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. II, 295-301, Leipzig, 1878)



Als er Mitglied des Württembergischen Konsistoriums (Landeskirchenbehörde) wurde, trat er für die Religionsfreiheit ein.

„Indem er alle Rechte und Vorrechte der Kirche aufrechterhielt, befürwortete er, jede billige Freiheit denen zu gewähren, die sich aus Gewissensgründen gebunden fühlten, sich von ihrer Gemeinschaft zurückzuziehen.“ (1Encyclopedia Britannica, art. Bengel; Real-Enzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, Bd. II, 295-301, Leipzig, 1878)



Die guten Wirkungen dieser klugen Entscheidung werden in dem Landstrich, dem er entstammte, noch immer verspürt.

Während sich Bengel auf die Predigt für einen Adventsonntag (über Offenbarung 21) vorbereitete, ging ihm plötzlich die Erkenntnis von der Wiederkunft Christi auf.

Die Weissagungen der Offenbarung erschlossen sich seinem Verständnis wie nie zuvor.

Das Bewußtsein von der ungeheuren Wichtigkeit und unübertrefflichen Herrlichkeit der von dem Propheten vorausgesagten Ereignisse überwältigte ihn derart, daß er gezwungen war, sich eine Zeitlang von der Betrachtung dieses Themas abzuwenden. Auf der Kanzel jedoch stand dieser Fragenkreis in aller Lebendigkeit und Stärke wieder vor ihm.

Von der Zeit an studierte er die Weissagungen, besonders die der Offenbarung, und gelangte bald zu dem Glauben, daß sie darauf hinwiesen, daß das Kommen Christi nahe bevorsteht.

Das Datum, das er als die Zeit der Wiederkunft Christi errechnete, wich nur wenige Jahre von dem später von Miller angenommenen Termin ab.



Bengels Schriften sind in der ganzen Christenheit verbreitet worden.

In seiner Heimat Württemberg, und bis zu einem gewissen Grade auch in andern Teilen Deutschlands, nahm man seine Ansichten über die Weissagung fast allgemein an.

Die auf Bengels Auffassungen beruhende geistliche Bewegung dauerte nach seinem Tode fort, und die Adventbotschaft wurde in Deutschland zur selben Zeit vernommen, zu der sie in andern Ländern die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Schon früh gingen einige Gläubige nach Rußland und gründeten dort Kolonistensiedlungen; und der Glaube an das baldige Kommen Christi wird in den deutschen Gemeinden jenes Landes noch immer bewahrt.



In Frankreich und in der Schweiz war die Erkenntnis ebenfalls aufgeflammt.

In Genf, wo Farel und Calvin die Wahrheiten der Reformation ausgebreitet hatten, predigte Gaussen die Botschaft von der Wiederkunft Christi.

Als Student hatte er jenen Geist des Rationalismus eingesogen, der in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz Europa durchdrang, und als er ins Predigtamt eintrat, war er nicht allein des wahren Glaubens unkundig, sondern er neigte sogar zur Zweifelsucht.

In seiner Jugend hatte er begeistert die Weissagungen studiert.

Als er Rollins „Alte Geschichte“ las, wurde seine Aufmerksamkeit auf das zweite Kapitel Daniels gerichtet, und er staunte über die wunderbare Genauigkeit, mit der sich die Weissagung erfüllt hatte, wie aus dem Bericht des Geschichtsschreibers ersichtlich war.

Hierin lag ein Zeugnis für die göttliche Eingebung der Heiligen Schrift, das ihm inmitten der Gefahren späterer Jahre als Anker diente.

Ihn befriedigten die Lehren des Rationalismus nicht mehr, sondern er gelangte durch das Forschen in der Bibel und das Suchen nach klarerer Erkenntnis nach einiger Zeit zu einem festen Glauben.


Als er die Weissagungen weiter durchforschte, kam er zu der Überzeugung, daß das Kommen des Herrn nahe bevorstehe.

Unter dem Eindruck des Ernstes und der Wichtigkeit dieser großen Wahrheit wünschte er, sie dem Volk nahezubringen; aber der volkstümliche Glaube, daß die Weissagungen Daniels Geheimnisse und darum nicht zu verstehen seien, wurde für ihn zu einem schweren Hindernis.

Endlich entschloß er sich, wie es vor ihm Farel schon getan hatte, als er Genf das Evangelium brachte, bei den Kindern zu beginnen, durch die er die Eltern anzuziehen hoffte.


Als er später einmal von seinem Ziel bei diesem Vorhaben sprach, sagte er:

„Ich möchte dies verstanden wissen, daß es nicht wegen der geringen Bedeutung, sondern im Gegenteil des hohen Wertes wegen ist, daß ich diese Sache in dieser vertraulichen Form darzustellen wünschte und mich damit an die Kinder wandte.

Ich wollte gehört werden und hatte befürchtet, keine Aufmerksamkeit zu erregen, falls ich mich an die Erwachsenen wenden würde.

Ich beschloß deshalb, zu den Jüngsten zu gehen.

Ich versammelte eine Schar von Kindern um mich.

Wenn die Zahl der Anwesenden zunimmt, wenn man sieht, daß sie zuhören, Gefallen daran finden, angezogen werden, daß sie das Thema verstehen und erklären können, dann werde ich sicherlich bald einen zweiten Kreis von Zuhörern haben, und die Erwachsenen ihrerseits werden sehen, daß es die Mühe lohnt, sich hinzusetzen und zu studieren.

Geschieht das, dann ist die Sache gewonnen.“ (Gaussen, „Der Prophet Daniel“, Bd. II, Vorwort)



Gaussens Bemühungen waren erfolgreich.

Während er sich an die Kinder wandte, kamen ältere Leute, um ihm zu lauschen.

Die Emporen seiner Kirche füllten sich mit aufmerksamen Zuhörern.

Unter ihnen befanden sich gelehrte und angesehene Männer sowie Ausländer und Fremde, die Genf besuchten, und durch sie wurde die Botschaft in andere Gegenden getragen.


Durch diesen Erfolg ermutigt, veröffentlichte Gaussen seine Unterweisungen in der Hoffnung, das Studium der prophetischen Bücher in den Gemeinden der französisch sprechenden Volksteile zu fördern.

Er sagte:

„Durch die Veröffentlichung des den Kindern erteilten Unterrichts rufen wir den Erwachsenen zu, die oft solche Bücher vernachlässigen unter dem falschen Vorwand, daß sie unverständlich seien.

Wie können sie unverständlich sein, da eure Kinder sie verstehen?

Ich hatte das dringliche Bestreben“, fügte er hinzu, „die bekannten Weissagungen bei unseren Gemeinden, wenn möglich, allgemein bekanntzumachen.

Es gibt in der Tat kein Studium, das, wie mir scheint, den Bedürfnissen der Zeit besser entspräche.

Hierdurch müssen wir uns vorbereiten auf die bevorstehende Trübsal und warten auf Jesus Christus.“


Wenngleich Gaussen einer der hervorragendsten und beliebtesten französisch sprechenden Prediger war, wurde er doch nach einiger Zeit seines Amtes enthoben, hauptsächlich weil er statt des Kirchenkatechismus, eines faden und rationalistischen Lehrbuches fast ohne positiven Glauben, beim Unterricht der Jugend die Bibel gebraucht hatte.

Später wurde er Lehrer an einer theologischen Schule und setzte sonntags seinen Unterricht mit den Kindern fort, indem er sie in der Heiligen Schrift unterwies.

Seine Werke über die Weissagungen erregten großes Aufsehen.

Vom Katheder aus, durch die Presse und in seiner Lieblingsbeschäftigung als Lehrer der Kinder konnte er viele Jahre lang einen ausgedehnten Einfluß ausüben und die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf das Studium der Weissagungen richten, die zeigten, daß das Kommen des Herrn nahe ist.

Auch in Skandinavien wurde die Adventbotschaft verkündigt und eine weitverbreitete Aufmerksamkeit hervorgerufen.

Viele wurden aus ihrer sorglosen Sicherheit aufgerüttelt, um ihre Sünden zu bekennen und aufzugeben und im Namen Christi Vergebung zu suchen.

Aber die Geistlichkeit der Staatskirche widersetzte sich der Bewegung, und durch ihren Einfluß wurden etliche, welche die Botschaft predigten, ins Gefängnis geworfen.

An vielen Orten, wo die Verkündiger des baldigen Kommens Christi auf solche Weise zum Schweigen gebracht worden waren, gefiel es Gott, die Botschaft in wunderbarer Weise durch kleine Kinder bekanntzumachen.

Da sie noch minderjährig waren, konnte das Staatsgesetz sie nicht hindern, und sie durften unbelästigt reden.



Die Bewegung fand besonders in den niederen Ständen Eingang.

In den bescheidenen Wohnungen der Arbeiter versammelte sich das Volk, um die Warnung zu vernehmen.

Die Kinderprediger selbst waren meist arme Hüttenbewohner.

Etliche waren nicht älter als sechs bis acht Jahre, und während ihr Leben bezeugte, daß sie den Heiland liebten und sie sich bemühten, den heiligen Vorschriften Gottes gehorsam zu sein, legten sie im allgemeinen nur den Kindern ihres Alters üblichen Verstand und nicht mehr als gewöhnliche Fähigkeiten an den Tag.

Standen sie aber vor den Menschen, dann wurde es offenbar, daß sie von einem über ihre natürliche Begabung hinausgehenden Einfluß bewegt wurden.

Ihre Stimme, ihr ganzes, Wesen veränderte sich, und mit eindringlicher Kraft kündigten sie das Gericht an, sich genau der Worte der Heiligen Schrift bedienend:


„Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit seines Gerichts ist gekommen!“


Sie rügten die Sünden des Volkes, verurteilten nicht nur Unsittlichkeit und Laster, sondern tadelten auch Weltlichkeit und Abtrünnigkeit und ermahnten ihre Zuhörer, sich eilends aufzumachen, um dem zukünftigen Zorn zu entrinnen.

Die Leute lauschten mit Zittern.

Der überzeugende Geist Gottes sprach zu ihren Herzen.

Viele wurden veranlaßt, die Heilige Schrift mit neuem und tieferem Eifer zu durchforschen.

Die Unmäßigen und Unsittlichen begannen einen neuen Lebenswandel; andere gaben ihre unlauteren Gewohnheiten auf.

Es wurde ein so auffälliges Werk vollbracht, daß selbst die Geistlichen der Staatskirche gestehen mußten, die Hand Gottes sei mit dieser Bewegung.


Es war Gottes Wille, daß die Kunde von der Wiederkunft des Heilandes in den skandinavischen Ländern verbreitet werden sollte, und als die Stimmen seiner Diener zum Schweigen gebracht worden waren, legte er seinen Geist auf die Kinder, damit das Werk vollbracht würde.


Als Jesus sich Jerusalem näherte, von einer frohen Menge begleitet, die ihn unter Frohlocken und mit wehenden Palmzweigen als den Sohn Davids ausrief, forderten die eifersüchtigen Pharisäer ihn auf, dem Volke Schweigen zu gebieten; aber Jesus antwortete ihnen, daß all dies die Erfüllung der Weissagung wäre und, falls die Menschen schwiegen, die Steine reden würden.

Das durch die Drohungen der Priester und Obersten eingeschüchterte Volk hielt in seiner freudigen Verkündigung inne, als es durch die Tore Jerusalems zog; aber die Kinder im Tempelhof nahmen den Ruf auf und sangen, ihre Palmzweige schwingend: „Hosianna dem Sohn Davids!“


Als die Priester in ärgerlichem Mißfallen zu Jesus sprachen:

„Hörst du auch, was diese sagen?“, antwortete er:

„Ja! Habt ihr nie gelesen:

‚Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du Lob zugerichtet‘?“ Matthäus 21,9.16.



Wie Gott zur Zeit Christi durch Kinder wirkte, so bediente er sich auch bei der Ankündigung seiner Wiederkunft der Kinder.

Gottes Wort, daß die Botschaft von dem Kommen des Heilandes an alle Völker, Sprachen und Zungen ergehen sollte, muß erfüllt werden.

William Miller und seinen Mitarbeitern war die Aufgabe zuteil geworden, die Warnungsbotschaft in Amerika zu predigen.

Dieses Land wurde der Mittelpunkt der großen Adventbewegung.

Hier fand die Weissagung von der ersten Engelsbotschaft ihre unmittelbare Erfüllung. Die Schriften Millers und seiner Gefährten wurden in entfernte Länder getragen. Überall, wohin die Missionare gedrungen waren, wurde auch die frohe Kunde von der baldigen Wiederkunft Christi hingesandt.

Allenthalben erscholl der Ruf des ewigen Evangeliums:

Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen!


Das Zeugnis der Weissagungen, das auf das Kommen Christi im Frühling des Jahres 1844 zu deuten schien, drang tief in die Gemüter des Volkes ein.

Als die Botschaft von Staat zu Staat ging, erregte sie überall beträchtliches Aufsehen. Viele wurden überzeugt, daß die auf den prophetischen Zeitrechnungen beruhenden Beweise richtig waren und nahmen, nachdem sie ihren Meinungsstolz fahren ließen, die Wahrheit freudig an. Einige Prediger entsagten ihren sektiererischen Ansichten und Gefühlen, gaben ihre finanzielle Sicherheit und ihre Gemeinde auf und schlossen sich der Verkündigung der Wiederkunft Jesu an.

Es waren jedoch verhältnismäßig wenige Prediger, die diese Botschaft annahmen; deshalb wurde sie meistens bescheidenen Laien anvertraut.

Landleute verließen ihre Felder, Handwerker ihre Werkstätten, Händler ihre Waren, andere berufstätige Männer ihre Stellung; und doch war die Zahl der Mitarbeiter im Verhältnis zu der durchzuführenden Aufgabe gering.

Der Zustand einer gottlosen Kirche und einer in Bosheit liegenden Welt lastete auf den Seelen der treuen Wächter; willig ertrugen sie Mühsal, Entbehrung und Leiden, um Menschen zur Buße und zum Heil rufen zu können.

Obwohl Satan ihnen widerstand, ging das Werk doch stetig vorwärts, und viele Tausende nahmen die Adventwahrheit an.



Überall vernahm man das Herz ergründende Zeugnis, das die Sünder, Weltmenschen wie Gemeindeglieder, aufforderte, dem zukünftigen Zorn zu entfliehen.

Gleich Johannes dem Täufer, dem Vorläufer Christi, legten die Prediger die Axt an die Wurzel des Baumes und nötigten alle, rechtschaffene Früchte der Buße zu bringen.

Ihre ergreifenden Aufrufe standen in auffallendem Gegensatz zu den Versicherungen des Friedens und der Sicherheit, die man von den volkstümlichen Kanzeln herab hörte.

Wo die Botschaft verkündigt wurde, bewegte sie das Volk.

Das einfache, unmittelbare Zeugnis der Heiligen Schrift, das den Menschen durch die Macht des Heiligen Geistes ans Herz gelegt wurde, rief eine gewichtige Überzeugung hervor, der nur wenige völlig widerstehen konnten.

Bekennende Christen wurden aus ihrer falschen Sicherheit aufgeschreckt und erkannten ihre Abtrünnigkeit, ihre Weltlichkeit und ihren Unglauben, ihren Stolz und ihre Selbstsucht.

Viele suchten demütig und bußbereit den Herrn.

Neigungen, die bisher auf irdische Dinge gerichtet waren, wandten sich jetzt dem Himmel zu.

Gottes Geist ruhte auf ihnen, und mit besänftigtem und gedemütigtem Herzen stimmten sie ein in den Ruf:

Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen!


Sünder fragten weinend:

„Was soll ich tun, daß ich selig werde?“ Apostelgeschichte 16,30.



Wer einen unlauteren Wandel geführt hatte, war besorgt, sein Unrecht gutzumachen.

Alle, die in Christus Frieden fanden, sehnten sich danach, auch andere an den Segnungen teilhaben zu sehen.

Die Herzen der Eltern wandten sich ihren Kindern, und die Herzen der Kinder ihren Eltern zu.

Die Schranken des Stolzes und der Zurückhaltung setzte man beiseite. Tiefempfundene Bekenntnisse wurden abgelegt, und Familienmitglieder arbeiteten für das Heil derer, die ihnen am nächsten und teuersten waren.

Oft hörte man ernste Fürbitten.

Überall beteten Seelen in tiefer Angst zu Gott.

Viele rangen die ganze Nacht im Gebet um die Gewißheit, daß ihre Sünden vergeben seien, oder um die Bekehrung ihrer Verwandten oder Nachbarn.


Menschenklassen aller Art strömten zu den Versammlungen der Adventisten.

Reich und arm, hoch und niedrig wollte aus verschiedenen Gründen die Lehre von der Wiederkunft Christi vernehmen.

Während seine Diener die Gründe des Glaubens darlegten, hielt der HERR den Geist des Widerstandes im Zaum.

Oft war das Werkzeug schwach, aber der Geist Gottes gab seiner Wahrheit Macht. Die Gegenwart heiliger Engel bekundete sich in diesen Versammlungen, und täglich stellten sich viele auf die Seite der Gläubigen.

Wenn die Beweise für die baldige Ankunft Christi wiederholt wurden, lauschte eine große Menge in atemlosem Schweigen den feierlichen Worten.

Himmel und Erde schienen sich einander zu nähern.

Jung und alt verspürte die Macht Gottes.

Die Menschen suchten ihre Wohnungen auf mit Lobpreisungen Gottes auf ihren Lippen, und der fröhliche Klang ertönte durch die Stille der Nacht.

Niemand, der jenen Versammlungen beiwohnte, kann je jene bedeutungsvollen Vorgänge vergessen.



Die Verkündigung einer bestimmten Zeit für das Kommen Christi rief unter vielen Menschen aus allen Klassen großen Widerstand hervor, angefangen von den Predigern auf der Kanzel bis zum verwegensten dem Himmel trotzenden Sünder.

Die Worte der Weissagung gingen in Erfüllung:

„Und wisset das aufs erste, daß in den letzten Tagen kommen werden Spötter, die nach ihren eigenen Lüsten wandeln und sagen:

Wo ist die Verheißung seiner Zukunft?

Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen ist.“ 2.Petrus 3,3.4.


Viele, die vorgaben, ihren Heiland zu lieben, erklärten, daß sie keine Einwände gegen die Lehre von seiner Wiederkunft zu machen hätten; sie seien nur gegen die festgesetzte Zeit.

Gottes Auge las jedoch, was in ihrem Herzen war.

Sie wünschten nichts davon zu hören, daß Christus kommen werde, um die Welt in Gerechtigkeit zu richten.

Sie waren ungetreue Diener, ihre Werke konnten die Prüfung Gottes nicht ertragen, und sie fürchteten sich, ihrem Herrn zu begegnen.


Gleich den Juden zur Zeit Christi waren sie nicht vorbereitet, Jesus zu begrüßen.

Sie weigerten sich nicht nur, die deutlichen Beweise aus der Schrift zu hören, sondern verlachten auch die, welche auf den Herrn warteten.

Satan und seine Engel frohlockten und schleuderten Christus und den heiligen Engeln Schmähungen ins Angesicht, daß sein angebliches Volk ihn so wenig liebe und sein Erscheinen nicht wünsche.


„Niemand weiß den Tag oder die Stunde“, lautete die von den Verwerfern des Adventglaubens am häufigsten vorgebrachte Entgegnung.

Die Bibelstelle heißt:

„Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, sondern allein mein Vater.“ Matthäus 24,36.



Eine klare und zutreffende Auslegung dieser Bibelstelle gaben die, welche auf ihren Herrn warteten, und der falsche Gebrauch, den ihre Gegner davon machten, zeigte sich deutlich.

Jene Worte sprach Christus in der denkwürdigen Unterhaltung mit seinen Jüngern auf dem Ölberg, als er zum letzten mal aus dem Tempel gegangen war.

Die Jünger hatten die Frage gestellt:

„Welches wird das Zeichen sein deiner Zukunft und des Endes der Welt?“

Jesus nannte ihnen bestimmte Zeichen und sagte:

„Wenn ihr das alles sehet, so wisset, daß es nahe vor der Tür ist.“ Matthäus 24,3.33.


Ein Ausspruch des Heilandes darf nicht so dargestellt werden, daß er dem andern widerspricht.

Wenn auch niemand Tag und Stunde seines Kommens weiß, so werden wir doch unterrichtet, und wir müssen wissen, wann die Zeit nahe ist.

Wir werden ferner belehrt, daß es ebenso verderblich für uns ist, seine Warnung zu mißachten und der Zeit seines Kommens keine Beachtung zu schenken oder die Annahme dieser Erkenntnis zu verweigern, wie es für die in den Tagen Noahs Lebenden verderblich war, nicht zu wissen, wann die Sündflut kommen sollte.

Das Gleichnis im selben Kapitel, das den treuen Knecht mit dem ungetreuen vergleicht und das Urteil dessen anführt, der in seinem Herzen sagte:

„Mein Herr kommt noch lange nicht“, zeigt, wie Christus bei seiner Wiederkunft die Gläubigen ansehen und belohnen wird, welche wachen und sein Kommen verkündigen, und die, welche es in Abrede stellen.

„Darum wachet!“ sagt er.

„Selig ist der Knecht, wenn sein Herr kommt und findet ihn also tun.“ Matthäus 24,42-51.


„So du nicht wirst wachen, werde ich über dich kommen wie ein Dieb, und wirst nicht wissen, welche Stunde ich über dich kommen werde.“ Offenbarung 3,3.



Paulus spricht von den Menschen, denen die Erscheinung des Herrn unerwartet kommen wird.

„Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.

Denn wenn sie werden sagen:

Es ist Friede, es hat keine Gefahr, so wird sie das Verderben schnell überfallen und werden nicht entfliehen.“


Für die, welche die Warnung des Herrn beachten, fügt er hinzu:

„Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß euch der Tag wie ein Dieb ergreife.

Ihr seid allzumal Kinder des Lichtes und Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.“ 1.Thessalonicher 5,2-5.


Somit war deutlich erwiesen, daß die Bibel den Menschen keinen Vorschub leistet, hinsichtlich der Nähe des Kommens Christi unwissend zu bleiben.

Wer aber eine Entschuldigung suchte, nur um die Wahrheit zu verwerfen, verschloß dieser Erklärung sein Ohr, und die Worte:

„Von dem Tage aber und von der Stunde weiß niemand“, wurden von dem kühnen Spötter und sogar von dem angeblichen Diener Christi beständig wiederholt.

Als die Leute erweckt wurden und anfingen, nach dem Weg des Heils zu fragen, stellten sich Religionslehrer zwischen sie und die Wahrheit und versuchten, ihre Befürchtungen mittels falscher Auslegungen des Wortes Gottes zu zerstreuen. Untreue Wächter verbanden sich mit dem Werk des großen Betrügers und schrien: „Friede! Friede!“, wo Gott nicht von Frieden gesprochen hatte.

Gleich den Pharisäern zur Zeit Christi weigerten sich viele, in das Himmelreich einzugehen, und hinderten die, welche hineingehen wollten.

Das Blut dieser Seelen wird von ihrer Hand gefordert werden.



Die Demütigsten und Ergebensten in den Gemeinden waren gewöhnlich die ersten, welche die Botschaft annahmen.

Wer die Bibel selbst studierte, mußte unvermeidlich den schriftwidrigen Charakter der volkstümlichen Ansichten über die Weissagungen erkennen, und wo das Volk nicht durch den Einfluß der Geistlichkeit geleitet wurde, sondern das Wort Gottes selber erforschte, brauchte die Adventbotschaft nur mit der Heiligen Schrift verglichen zu werden, um deren göttliche Autorität zu bestätigen.


Viele wurden von ihren ungläubigen Brüdern verfolgt.

Um ihre Stellung in der Gemeinde zu bewahren, willigten einige ein, ihre Hoffnung zu verschweigen; andere aber fühlten, daß die Treue zu Gott ihnen verbiete, die Wahrheiten, die er ihrer Obhut anvertraut hatte, zu verbergen.

Nicht wenige wurden aus der Kirche ausgeschlossen, und zwar nur aus dem Grund, weil sie ihren Glauben an die Wiederkunft Christi verkündet hatten.

Köstlich klangen die Worte des Propheten denen, die die Prüfung ihres Glaubens bestanden hatten.


„Eure Brüder, die euch hassen und sondern euch ab um meines Namens willen, sprechen:

‚Laßt sehen, wie herrlich der HERR sei, laßt ihn erscheinen zu eurer Freude‘; die sollen zu Schanden werden.“ Jesaja 66,5.


Engel Gottes überwachten mit größter Anteilnahme den Erfolg der Warnung.

Als die Kirchen die Botschaft allgemein verwarfen, wandten sich die Engel betrübt ab.

Aber es gab noch viele Seelen, die in der Adventwahrheit noch nicht geprüft waren; viele, die durch Ehemänner, Frauen, Eltern oder Kinder irregeleitet worden waren und die glaubten, es sei eine Sünde solche Ketzereien, wie sie von den Adventisten gelehrt wurden, auch nur anzuhören.

Den Engeln wurde befohlen, über diese Seelen treulich zu wachen; denn es sollte noch ein anderes Licht vom Throne Gottes auf sie scheinen.



Mit unaussprechlichem Verlangen harrten alle, welche die Botschaft angenommen hatten, der Ankunft des Heilandes.

Die Zeit, da sie erwarteten, ihm zu begegnen, stand nahe bevor.

Sie näherten sich dieser Stunde mit stillem Ernst.

Sie ruhten in freundlicher Gemeinschaft mit Gott, ein Pfand des Friedens, der ihnen in der zukünftigen Herrlichkeit zuteil werden sollte.

Keiner, der diese Hoffnung und dies Vertrauen erfuhr, kann jene köstlichen Stunden des Wartens vergessen.

Schon einige Wochen vor der Zeit wurden die weltlichen Geschäfte von den meisten beiseitegelegt.


Die aufrichtigen Gläubigen prüften sorgfältig jeden Gedanken und jede Regung ihres Herzens, als lägen sie auf dem Totenbett und müßten in wenigen Stunden vor allem Irdischen ihre Augen schließen.

Da wurden keine Himmelfahrtskleider (Siehe Anm. 048) angefertigt, sondern alle fühlten die Notwendigkeit eines inneren Zeugnisses, daß sie zubereitet waren, dem Heiland zu begegnen; ihre weißen Kleider versinnbildeten die Reinheit der Seele, einen durch das versöhnende Blut Christi gereinigten Charakter.

Hätte doch das Volk Gottes noch den gleichen Herz erforschenden Geist, den gleichen, ernsten, entschiedenen Glauben!

Hätte es weiterhin sich auf diese Weise vor dem HERRN gedemütigt und seine Bitten zum Gnadenthron empor gesandt, so wäre es jetzt im Besitze weit köstlicherer Erfahrungen.

Das Volk Gottes betet zu wenig, wird zu wenig wirklich überzeugt von der Sünde, und der Mangel an lebendigem Glauben läßt viele unberührt von der Gnadengabe, die unser Erlöser so reichlich vorgesehen hat.



Gott wollte sein Volk prüfen.

Seine Hand bedeckte den in der Berechnung der prophetischen Zeitabschnitte gemachten Fehler.

Die Adventisten entdeckten den Irrtum nicht; er wurde auch nicht von den Gelehrtesten ihrer Gegner entdeckt.

Diese sagten:

„Eure Berechnung der prophetischen Zeitabschnitte (Siehe Anm. 049) ist richtig. Irgendein großes Ereignis wird stattfinden; aber es ist nicht die Wiederkunft.“


Die Zeit der Erwartung ging vorüber, und Christus erschien nicht, um sein Volk zu befreien.

Alle, die mit aufrichtigem Glauben und herzlicher Liebe auf ihren Heiland gewartet hatten, zeigten sich bitter enttäuscht.

Doch Gottes Absicht wurde erreicht; er prüfte die Herzen derer, die vorgaben, auf seine Erscheinung zu warten.

Es waren unter ihnen viele, die aus keinem höheren Beweggrund getrieben worden waren als aus Furcht.

Ihr Glaube hatte weder ihre Herzen noch ihren Lebenswandel beeinflußt.

Als das erwartete Ereignis ausblieb, erklärten diese Menschen, daß sie nicht enttäuscht seien; sie hätten nie geglaubt, daß Christus kommen werde; und sie gehörten zu den ersten, die den Schmerz der wahrhaft Gläubigen verspotteten.


Aber Jesus und die himmlischen Scharen sahen mit liebevoller Teilnahme auf die geprüften und doch enttäuschten Gläubigen herab.

Hätte der Schleier, der die sichtbare Welt von der unsichtbaren trennt, fortgezogen werden können, so wäre sichtbar geworden, wie Engel sich jenen standhaften Seelen genähert und sie vor den Pfeilen Satans beschützt haben.



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Der große Kampf

zwischen Licht und Finsternis

Kapitel 20:

Eine große religiöse Erweckung

 

Ellen G. White – Eine Prophetin Gottes

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